Schwerpunkt: Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung


Schwerpunkt: Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien
Berggasse 7
A-1090 Wien
Tel.:+ 43 1 4277 40012

Die Wiener Geschichtsdidaktik


Das Modell der 'Wiener Geschichtsdidaktik' wurde seit den frühen 1980er Jahren in Zusammenarbeit mit allen fünf historischen Instituten an der Universität Wien entwickelt. Die 'Wiener Geschichtsdidaktik' betont die soziale und kommunikative Dimension des Historischen Lernens. Sie hat damit für die Arbeit an der Entwicklung und Vermittlung von Geschichtsverständnis und Geschichtsbewusstsein zentrale Bedeutung. Alle Lehrenden der Geschichte, Geschichtslehrer/innen im schulischen Unterricht, Historiker/innen, Politik-, Sozial- und Kulturwissenschafter/innen an den Universitäten, Lehrende in der Erwachsenenbildung oder in Museen sind potentielle Adressaten der Wiener Geschichtsdidaktik. Als ‘Prozessorientierte Geschichtsdidaktik’ hat das an der Universität Wien entwickelte theoretische Modell der Geschichtsdidaktik in den vergangenen Jahren durch mehrere europäische Kooperationsprojekte, durch zahlreiche Publikationen und Vorträge internationale Beachtung erlangt.

 

Die Prozessorientierte Geschichtsdidaktik an der Universität Wien untersucht und lehrt, wie das Wissen über politik-, wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Entwicklungen im Interesse eines politisch bildenden, kritisch-kommunikativen und handlungsorientierten Bildungsauftrages aufbereitet und vermittelt werden kann. Diese Form der Geschichtsdidaktik versteht sich als angewandte historische Sozialwissenschaft im Wechselspiel von unterrichtspraktischer Erfahrung und theoriegeleiteter Reflexion.

 

Von Anfang an waren Interdisziplinarität und Teamorientierung besondere Merkmale der Arbeit in der Gruppe der Wiener Geschichtsdidaktiker/innen. In Zusammenarbeit zwischen Historiker/innen, Fachdidaktiker/innen, Schulpraktiker/innen, Sozialpsycholog/innen und Erziehungswissenschafter/innen wurde das integrierte Seminarmodell für die Fachdidaktische Ausbildung im Lehramtsstudium „Geschichte, Sozialkunde und Politischer Bildung“ entwickelt.

 

Als ‚Fachdidaktik Geschichte’ betreibt die Wiener Gruppe die Entwicklung und Vermittlung von theoretischen Grundlagen und unterrichtspraktischen Kompetenzen für Lehrende an allgemein- und berufsbildenden höheren Schulen, für Einrichtungen der Erwachsenenbildung, an historischen Museen und in Ausstellungen. Neue Medien und virtuelle Lernobjekte (Internet-Module, CD-Rom, Video etc.) werden für den universitären und schulischen Geschichtsunterricht ebenso entwickelt, wie herkömmliche Unterrichtsmaterialien.

 

Referenzwissenschaften von Geschichts- und Fachdidaktik sind dementsprechend die Historischen Wissenschaften, die Sozial-, Politik- und Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Informationswissenschaften, Erziehungswissenschaften, Sozial- und Entwicklungspsychologie inclusive psychoanalytischer Entwicklungstheorien, Lernpsychologie und Theorien der allgemeinen Didaktik. Die ‚prozessorientierte Geschichtsdidaktik’ bezieht sich darüber hinaus auf aktuelle Organisationstheorien, Theorien sozialer Systeme und Theorien sozialen Lernens.

 

Für die Sekundarschulen in Österreich entwickelt und vermittelt die Fachdidaktik Geschichte Konzepte für den Unterricht in den Schulfächern ‘Geschichte und Sozialkunde’, ‘Geschichte und Kultur’, ‘Geschichte und Politische Bildung’ sowie inhaltlich ähnlich orientierter Fächer an AHS bzw. BHS. Schwerpunkte der von Mitarbeiter/innen der Fachdidaktik entwickelten ‚prozessorientierten Geschichtsdidaktik’ bilden geschichtsdidaktische Modelle zu Alltagsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte und Kulturgeschichte. Beachtung findet die Frage, wie das Fach Geschichte in einem multikulturellen Umfeld unterrichtet werden kann. Modelle zum Einsatz von Oral History und neuen Technologien im Geschichtsunterricht sowie zur Organisation fachübergreifender und internationaler Schulprojekte liegen vor.

 

Die Prozessorientierte Geschichtsdidaktik’ ist auch in der internationalen Diskussion der Geschichtsdidaktiken zu einem mitbestimmenden Faktor geworden. Sie bemüht sich auf europäischer Ebene um eine international vergleichende Perspektive hinsichtlich der Didaktik der Unterrichtsmaterialien, der Curricula und insbesondere der Lehrerausbildung. Eine vergleichende Studie über Strukturen und Standards der Geschichtslehrerausbildung in 13 europäischen Staaten erschien 2003 beim Europarat. Eine zweite Studie für alle Länder Südosteuropas folgte 2004. Eine neue, gesamteuropäische Studie zu diesem Thema wurde in den Jahren 2006-2008 durchgeführt und ist unter www.che.itt-history.eu publiziert.  Als Ergebnis der langjährigen Kooperation mit einschlägigen Abteilungen des Europarats fanden Vorschläge zur prozessorientierten Geschichtslehrerausbildung Eingang in die  Empfehlungen des Ministerkomitees des Europarats (CC-ED, 12.06.2001). Mitarbeiterinnen der Wiener Geschichtsdidaktik sind in EU-Projekten sowie in zahlreichen anderen internationalen Kooperationen und Schulpartnerschaften  engagiert.

Unterstützt werden diese Projekte von einschlägigen Abteilungen des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, von Kulturkontakt Austria, von Abteilungen des Europarats sowie von zahlreichen weiteren europäischen Bildungsministerien. Kooperationen bestehen mit zahlreichen Universitätsinstituten in und außerhalb Europas (u.a. Universität Hamburg, Bielefeld, Gießen, Bonn, TU Berlin, Münster, Groningen, Manchester Metropolitan University, Lissabon, Trondheim, Tampere, Tartu, Prag, Liberec, Usti Nad Labem, Athen/ Thrace, Sofia, Tirana, Zagreb, Ljubljana, Bukarest, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Bergen College of Higher Eduction, Pädagogische Universitäten in St. Petersburg, Wolgograd, Ekaterinburg) sowie mit einschlägigen Internationalen Forschungsinstituten und NGO’s wie EUROCLIO, Georg Eckert Institut für Internationale Schulbuchforschung , Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, der Körber Stiftung Hamburg, dem Euorpean Wergeland Centre, Oslo.

 

Wesentliche Impulse für die theoretische und methodische Entwicklung ihrer Konzepte bezieht die Wiener Geschichtsdidaktik aus der intensiven Zusammenarbeit mit Expert/innen aus der Schulpraxis. Die Zusammenarbeit mit dem Stadtschulrat für Wien, mit den Landesschulräten der jeweiligen Bundesländer sowie mit zahlreichen Partnerschulen macht die Realisierung des praktischen Ausbildungsteil während der fachdidaktischen Kurse möglich. 25 Kooperationsschulen der Universität Wien sind vertraglich mit dem Fachdidaktikzentrum Geschichte verbunden und stellen Studierenden Praxisplätze in der Schule zur Verfügung.

 

Von großer Bedeutung ist auch die Zusammenarbeit mit Institutionen der Lehrerfortbildung, z.B. im jüngst entwickelten Lehrgang „Geschichte und Politische Bildung“ an der Pädagogischen Hochschule Linz oder in regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen an der PH Wien und der KPH Wien. Diese Zusammenarbeit wird ergänzt durch die Kooperation mit den österreichischen Arbeitsgemeinschaften der Historiker, sowie mit Geschichtsdidkatiker/innen im Rahmen der 2010 gegründeten Gesellschaft für Geschichtsdidaktik in Österreich.

 

Eine wichtige Kooperationsschiene stellt seit langem die Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Erwachsenenbildung (Wiener Volkshochschulen, Arbeiterkammer, Institut für Österreichkunde) und den Museen dar.

 

Mit einer Gesetzesänderung zum UniStG wurde im Juni 2001 das Lehramtsstudium ‚Geschichte und Sozialkunde’ um den Bereich der ‚Politischen Bildung’ erweitert. Auf den Bereich der Fachdidaktik mit seiner integrativen Funktion für das Lehramtsstudium ‚Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung (GSP)’ sind mit der Entwicklung von Lehrangeboten zur Politischen Bildung weitere wichtige Aufgaben dazugekommen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Sozial- und PolitikwissenschafterInnen sowie mit den einschlägigen Servicestellen für Politische Bildung bildet einen wichtigen innovativen Faktor der Geschichtsdidaktik, die von den MitarbeiterInnen des FDZ als "historisch-politische Bildung" konzipiert und umgesetzt wird. Politische Bildung wird dabei im Kontext der internationalen Entwicklung (citizenship), insbesondere im europäischen Vergleich, betrachtet.

 

Im Rahmen der Forschungsplattform „Theory and Practice of Subject Didactics“, an der 19 Lehramtsfächer aus 11 Fakultäten und einem Zentrum mitwirken, werden derzeit neue Organisations- und Lehrformen für die fachdidaktische Ausbildung eines Großteils der Lehramtsstudien an der Universität Wien entwickelt. Ziele, Forschungsschwerpunkte und erste Ergebnisse der im Sommer 2009 gegründeten Forschungsplattform  finden Sie unter http://fplfachdidaktik.univie.ac.at/index.php.

Personal- und Organisationsentwicklung im Bereich der Geschichtsdidaktik ist seit einigen Jahren ein zentraler Arbeitsschwerpunkt von Mitgliedern der Wiener Gruppe. Wie vorne berichtet werden in diesem Bereich derzeit international vergleichende Studien zur Geschichtslehrerausbildung auf gesamteuropäischer Ebene durchgeführt (Europarat: Activities for the Development and Consolidation of Democratic Stability (ADACS); Europäische Union: Tempus-Tacis-Projekt; Stability Pact for South East Europe). Die Studien sollen sowohl in der historischen Tiefe (europäische Bildungsgeschichte) wie in der aktuellen Diskussion um die Reform von Bildungssystemen in Europa (vergleichende Studien von universitären Bildungssystemen in Europa) weiter ausgebaut werden. Kontakte zu einschlägigen Forschungsinstituten außerhalb Europas bestehen bereits zur Autonomen Universität von Mexico D.F. (UNAM) zur University of Tokio sowie den einschlägigen internationalen Bildungseinrichtungen von OECD, UNESCO und Weltbank.

 

Seit 2002 werden an Fachdidaktischen Zentren das Projekt „Geschichte online“ und „Didaktik online“  zum Einsatz Neuer Medien in der Lehre durchgeführt. Zielsetzung dieses Projektes ist es, die Neuen Medienangebote zur Bereicherung der universitären und außeruniversitären Lehr- und Lernaktivitäten zu nutzen.  Zur erfolgreichen Implementierung der Neuen Medien wird dabei die Aus- und Weiterbildung der universitären Lehrer/innen in allgemeinen und fachspezifischen Anwendungen angestrebt und die Entwicklung einer Reihe exemplarischer Lehrmodule für Pflichtlehrveranstaltungen intendiert.