Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung


Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien
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A-1090 Wien
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Was ist Offenes Lernen?

Mag. Hanna Maria Suschnig

 

OL ist eine Organisationsform des Unterrichts, die die Selbsttätigkeit von SchülerInnen ermöglicht. In einer OL-Unterrichtseinheit wählen die SchülerInnen in wechselnden Sozialformen aus einer Vielzahl von Möglichkeiten unterschiedliche Arbeitsvorhaben aus, die gleichzeitig durchgeführt werden. Sie kontrollieren ihre Arbeitsergebnisse selbst und reflektieren über ihre individuellen Lernfortschritte. Die Lehrperson tritt als Wissensvermittlerin in den Hintergrund, statt dessen berät und betreut sie einzelne SchülerInnen oder Gruppen in diesem Lernprozess.

Offenes Lernen berücksichtigt die individuellen Lernvoraussetzungen jedes einzelnen Kindes und die unterschiedlichen Lernbedürfnisse sowohl des einzelnen Kindes als auch der Klasse. Fähigkeiten wie aktiver, selbständiger Wissenserwerb, Kreativität, Flexibilität, Kooperationsbereitschaft und Reflexionsvermögen werden im Rahmen des Offenen Lernens schrittweise erworben und geübt.


Voraussetzungen für OL

Offenes Lernen kann in allen Schulstufen, mit jedem Thema und ungeachtet standortspezifischer Besonderheiten durchgeführt werden. Um größtmögliche Individualisierung und Selbsttätigkeit innerhalb des klassischen Schulbetriebs zu gewährleisten müssen organisatorische und technische Vorbereitungen getroffen werden. Diese werden unter dem Begriff Classroom Management zusammengefasst. dazu zählen die Entscheidung über die Organisationsform, das Zusammenstellen von Arbeitsplänen und Material und die Vereinbarungen mit den SchülerInnen über Regeln fürs Klassenzimmer.


Wieviel OL ist sinnvoll?

Idealerweise wechselt der Methodenkanon für den GSP-Unterricht häufig, dem OL kommt neben lehrerzentriertem Unterricht, Gruppenarbeiten, Projekten etc. eine gleichberechtigte Stellung zu.

Wieviel OL in einer bestimmten Klasse eingesetzt wird, ist von den Besonderheiten der jeweiligen Lerngruppe abhängig. SchülerInnen mit wenig Erfahrung bei selbstgesteuerten Lernprozessen werden schrittweise in die Methode und die dafür notwendigen Arbeitstechniken eingeführt. Anfänglich sind OL-Einheiten kurz und wiederholen ein Thema, das im gebundenen Unterricht von der Klasse erarbeitet worden ist. Mit zunehmender Routine der SchülerInnen und der Lehrperson nehmen OL-Einheiten an Dauer, Umfang und Komplexität zu (von der Einzelstunde zum Wochenplan), die SchülerInnen planen ihre Vorhaben zunehmend selbst.

Selbstgesteuertes Lernen fordert den SchülerInnen ein besonders hohes Maß an Konzentration ab. Da die SchülerInnen in ihrem individuell unterschiedlichen Tempo arbeiten, nach Abschluss eines Arbeitsauftrags ihre Ergebnisse selbst überprüfen und anschließend die nächsten Arbeitsschritte planen, gibt es kaum Leerlauf. OL ist daher für die SchülerInnen anstrengender als gebundener Unterricht.


Rolle der Lehrenden

Die Rolle der Lehrerin/des Lehrers verlagert sich vom Lehren zum Beobachten der SchülerInnen und zum Steuern der Lernprozesse. Die Lehrperson fungiert als "facilitator", die für die SchülerInnen den Zugang zu historischen Sachverhalten organisiert, ihnen bei der Durchführung ihrer Arbeiten als BetreuerIn zur Seite steht und sie bei der Analyse und Bewertung der Arbeitsergebnisse unterstützt.


Lehrplan 99 und Offenes Lernen

Laut Lehrplan 99´ für die Sekundarstufe I gehören zum Aufgabenbereich der Schule die Befähigung der SchülerInnen zur selbständigen, aktiven Aneignung von fundiertem Wissen. Diese Sachkompetenz muss erweitert und ergänzt werden durch Selbstkompetenz und Sozialkompetenz.

Punkt 4 der allgemein didaktischen Grundsätze verlangt dezidiert die Förderung der SchülerInnen durch Differenzierung und Individualisierung, die Stärkung von Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung, auch bei der Sicherung des Unterrichtsertrags und der Leistungsbeurteilung.

Der Lehrplan für Geschichte und Sozialkunde listet unter den Bildungs- und Lehraufgaben das selbständige Beschaffen, Aufnehmen und Bewerten von Information als wesentliche Fertigkeiten auf. Forschendes und entdeckendes Lernen soll in freien Lernphasen praktiziert werden. Der neue Lehrplan fordert die Unterteilung in Kernbereiche und Erweiterungsbereiche. Die Unterteilung in Kern- und Erweiterungsbereiche kann auch bei der Planung von OL-Einheiten berücksichtigt werden. Pflichtaufgaben decken den Kernstoff ab. Das Angebot an Wahlaufgaben ermöglicht die Vertiefung und Spezialisierung, individuelle Interessen können verfolgt werden und Schwächen aufgearbeitet werden.


Leistungsbeurteilung bei OL

Offenes Lernen wird in dem Maß, in dem es im GSP-Unterricht eingesetzt wird, auch in die Leistungsbeurteilung einbezogen. Inhalte und Fertigkeiten aus den Pflichtbereichen können Prüfungsstoff für die ganze Klasse sein, Produkte aus freiwillig zu erledigenden Gebieten werden bei einer Überprüfung zur Wahl gestellt.

Ein integrativer Bestandteil des OL ist die Selbsttätigkeit auch bei der Analyse und Bewertung von Lernprozessen und deren Ergebnissen. Die SchülerInnen werden im Rahmen des OL zur Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten und Stärken angeleitet und zur Selbsttätigkeit bei der Leistungbeurteilung angeregt.


Literatur

STROTZKA H., WINDISCHBAUER E. (1999) Offenes Lernen im Geschichtsunterricht für die Sekundarstufe I unter besonderer Berücksichtigung der Integration und des Interkulturellen Lernens, Wien

KLIPPERT H. (1994) Methoden-Training. Übungsbausteine für den Unterricht, Weinheim und Basel

BADEGRUBER B. (1992) Offenes Lernen in 28 Schritten, Linz

WEINHÄUPL W. (Hg.) (1995) Lust auf Schule. Offener Unterricht in der Mittelstufe, Linz

VIERLINGER R. (1993) Die offene Schule und ihre Feinde, Wien

WALLRABENSTEIN W. (1991) Offene Schule – offener Unterricht, Reinbeck

RAMSEGGER J. (1977) Offener Unterricht in der Erprobung. Erfahrungen mit einem didaktischen Modell, München

Neben den Schulbüchern, Lehrerhandbüchern und dem Zusatzmaterial, das von den Schulbuchverlagen zur Verfügung gestellt wird, bieten einige Verlage gute Kopiervorlagen oder geeignetes Bildmaterial.