Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung


Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien
Berggasse 7
A-1090 Wien
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Politische Bildung

Mag. Christa Donnermair

 

Gemessen an den heftigen politischen Auseinandersetzungen um die mögliche Einführung eines Faches “Politische Bildung“ in den 70er Jahren unter dem damaligem Unterrichtsminister Sinowatz (SP) ging jetzt alles recht unspektakulär vor sich. In der Sitzung des Nationalrates vom 7.Juni 2001 haben die vier Parlamentsparteien mit der notwendigen zwei Drittel Mehrheit eine Änderung des Schulorganisationsgesetzes (SCHOG) beschlossen, der zufolge in der 7. und 8. Klasse AHS nicht mehr länger “Geschichte und Sozialkunde“ sondern “Geschichte und Politische Bildung“ unterrichtet werden soll. Daneben gilt aber auch nach wie vor das Unterrichtsprinzip Politische Bildung das seit dem Schuljahr 1978/79 die Behandlung politischer Fragen in allen Gegenständen auf allen Schulstufen und in allen Schultypen vorsieht. Im berufsbildenden Schulwesen steht Politische Bildung zum Teil in Fächerkombination schon länger auf dem Lehrplan.

 

Wozu man sich jahrzehntelang nicht durchringen hatte können, erfolgte nun sozusagen über Nacht. Die Änderung des SCHOG trat ordnungsgemäß mit dem auf die Kundmachung des Gesetzes folgenden Tag in Kraft, für viele - nicht zuletzt die betroffenen LehrerInnen - recht abrupt. Sie wurden zu Beginn des neuen Schuljahres in einem ministeriellen Rundschreiben (Nr.42/2001) darüber informiert dass ein Lehrplan in Ausarbeitung stünde. Quasi als „Überbrückung“, da die neuen gesetzlichen Bestimmungen ja ab sofort galten, wurde ein Themenkatalog zur Orientierung vorgeschlagen, den erst der neue Lehrplan für die Oberstufe ab 2004/5 ersetzte.

 
Wie wird die Neuerung  in der Schule angenommen werden? Dies wird nicht zuletzt stark von den Implementierungsmaßnahmen abhängen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Zielgruppe - LehrerInnen wie SchülerInnen - neugierig zu machen auf den neuen Gegenstand, ja, sie gegebenenfalls davon zu überzeugen, dass es sich um eine Neuerung handelt. Dazu bedarf es sicher eines breit gestreuten Fortbildungsangebotes und entsprechender Rahmenbedingungen, dies auch wahrnehmen zu können.

 

In der universitären LehrerInnenausbildung wurden an einigen Standorten, so auch in Wien, bereits erste Schritte gesetzt, dem neu benannten Studienfach Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung gerecht zu werden. Den Studierenden soll zunehmend eine in allen drei Bereichen ausgewogene Erstausbildung geboten werden, sowohl in fachwissenschaftlicher als auch in fachdidaktischer Hinsicht. Die Debatte über das Verhältnis von historischer Bildung zu politischer Bildung wird hoffentlich unter reger Beteiligung der Studierenden wieder neu aufgenommen werden. Der neue Studienplan lädt auch zu einer verstärkten Kooperation zwischen HistorikerInnen, PolitikwissenschafterInnen, JuristInnen etc. ein.

 

Analog zur eher bescheidenen Präsenz der “Politischen Bildung“ im Schulalltag der AHS und BHS verlief in Österreich auch die wissenschaftliche Beschäftigung im überschaubaren Rahmen, oft mit “ad hoc“ Charakter, wenn in den Medien das Thema wieder aufflammte. Im Gegensatz dazu ist es in den letzten Jahren den deutschen FachkollegInnen immer wieder gelungen, den wissenschaftlichen Diskurs und praktische Erfahrung im Unterricht zusammenfließen zu lassen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fanden auch in der Praxis hierzulande Eingang.

 

Dazu gehört die Überzeugung, dass die Lehrenden selbst vorab einen eigenen Politikbegriff entwickeln müssen, der für die Unterrichtsarbeit anwendbar ist, d.h. der strukturiertes Arbeiten ermöglicht. Aus dem reichen Angebot der Politikwissenschaften haben sich dabei in den letzten Jahren vor allem zwei Modelle als praktikabel erwiesen. Es handelt sich dabei um das sogenannte “Drei – Dimensionen - Modell“, das zwischen der institutionellen Dimension, der normativ-inhaltlichen und der prozessualen Dimension des Politischen unterscheidet und das Modell des “Politikzyklus“, bei dem Politik als prinzipiell endloses Tun zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme dargestellt wird. Diese beiden Modelle können dabei helfen, Verallgemeinerbares von Politik zu erkennen und Kategorien zu bilden, um so strukturiertes Wissen und Analyseinstrumente zu entwickeln.

 

Mögliche Bildungs- und Lehrziele für den Politikunterricht werden in den offiziellen Texten meist sehr umfassend formuliert. Die SchülerInnen sollen die rechtlichen und institutionellen Grundlagen der jeweiligen politischen Systeme kennenlernen, sie sollen politische Probleme und Zusammenhänge analysieren und bewerten lernen aber auch Motivation und Orientierung für die eigene Partizipation erlangen. Diesen hohen Ansprüchen ist mit der Erkenntnis zu begegnen, dass politischer Unterricht nur in das bereits vorhandene Weltbild der SchülerInnen interveniert, Angebote macht die bisherigen Vorstellungen zu ergänzen, zu revidieren oder zu festigen. Es ist von allergrößter Bedeutung, die unterschiedlichen Erfahrungen, Gefühle, Kenntnisse etc. der SchülerInnen in Sachen Politik einzubeziehen. Neben Geschlecht und sozialer Herkunft spielt die multiethnische Zusammensetzung vieler Klassen eine immer bedeutendere Rolle in der Differenzierung der Erfahrungen. Wir arbeiten als LehrerInnen heute auch mit Jugendlichen, die im Gegensatz zu uns auch schon persönlich Krieg und Flucht erleben mussten oder wo dies Teil ihrer jüngeren Familiengeschichte ist.

 

Die verstärkte Befassung mit Fragen zu Theorie und Praxis von Politischer Bildung in der Schule steht in Österreich also angesichts der Einführung des neuen Faches auf der Tagesordnung. Diese Befassung wird auch in einem europäischen Kontext geschehen, da es ebenso in Ländern mit einer längeren Tradition in diesem Bereich Versuche der Neuorientierung gibt.